miércoles, 29 de diciembre de 2010

Können Sprachen sterben?

 „Es ist einsam, die Letzte zu sein“ 
Von Andreas Neumann


Der Kleine Prinz auf Saterfriesisch
Wir Deutschsprachige sind uns oft nicht bewußt, daß unsere Muttersprache in der Welt eine herausgehobene Stellung besitzt. Unter den weltweit rund 6.000 existierenden Sprachen nimmt das Deutsche mit über 100 Millionen Sprechern den 10. Rang ein. Innerhalb der EU ist das Deutsche sogar mit Abstand die verbreitetste Muttersprache, auch wenn sich dies im offiziellen Sprachgebrauch der europäischen Institutionen leider nicht in diesem Maße widerspiegelt. Der Status des Deutschen als Weltsprache ergibt sich auch daraus, daß es unzählige deutschsprachige Ange- bote in den Medien und der Kultur gibt.

Es ist daher festzustellen, daß wir Deutschsprachige den Luxus genießen, eine Weltsprache zur Muttersprache zu haben. Dieses Merkmal trifft nur auf sehr wenige Sprachen zu. 97 Prozent aller Menschen verwenden nur 4 Prozent der weltweit vorkom- menden Sprachen. Anders ausgedrückt: Rund 96 Prozent aller existierenden Sprachen werden lediglich von einem winzigen Teil der Weltbevölkerung (3 Prozent) gesprochen. Allein die 2.000 kleinsten Sprachen der Welt kommen zusammen auf nicht einmal eine halbe Million Sprecher. Der überwiegende Großteil aller Sprachen gehört somit zur Gruppe der Klein- und Kleinstsprachen.

Beispiele für solche Kleinsprachen sind in Europa das in Niedersachsen gesprochene Saterfriesische mit rund 2.000 Sprechern oder das Livische in Lettland mit weniger als zehn Sprechern. Für die Sprecher solcher Kleinsprachen ist vieles von dem, was für uns Deutschsprachige selbstverständlich ist, schlicht unmöglich oder unbekannt. Wer Saterfriesisch sprechen oder hören will, muß dies in der niedersächsischen Gemeinde Saterland tun. Im Radio, Fernsehen und Internet ist die Sprache so gut wie nicht vertreten. Es gibt kaum saterfriesische Literatur und überhaupt keine Software in dieser Sprache.

Der größte Unterschied zwischen den Sprechern einer Weltsprache und jenen einer Kleinsprache liegt jedoch darin, daß sich erstere keinerlei Sorgen darüber machen müssen, dass ihre Sprache in Bälde aussterben könnte. Deutsch wird auch noch in 100 Jahren gesprochen werden, Saterfriesisch kämpft schon jetzt jeden Tag um das Überleben. Das Deutsche gehört zu den nur zehn Prozent (!) aller Sprachen, die das Jahr 2100 mit Sicherheit erleben werden. Die übrigen 90 Prozent sind mehr oder minder vom Aussterben bedroht. Schon jetzt werden 30 Prozent aller Sprachen nicht mehr an die Kinder weitergegeben und sind somit dem Tode geweiht. Etwa alle zwei Wochen stirbt daher irgendwo in der Welt eine Sprache.

Da lebende Sprachen stets einem Wandel unterworfen sind, ist das Sterben einer Sprache an und für sich nichts Ungewöhnliches. Doch seit dem 16. Jahrhundert geht die Zahl der existierenden Sprachen überall in der Welt mit einer immer größeren Geschwindigkeit zurück. Dieses in der Geschichte noch nie da gewesene Massensterben der Sprachen ist vor allem eine Folge des Kolonialismus durch die europäischen Mächte. Darüber hinaus haben verschiedenste Faktoren der Neuzeit (Industrialisierung, Urbanisierung, Globalisierung, Ausbreitung der nationalstaatlichen Idee, Verfolgung von Minderheiten etc.) das Massensterben der Sprachen noch verstärkt.

Natalie Sangama, die letzte Sprecherin der einst in Peru verbreiteten indigenen Chamicuro-Sprache, hat die persönliche Dramatik des Sprachensterbens mit folgenden Worten geschildert: „Ich träume in Chamicuro, aber ich habe niemanden, dem ich meine Träume erzählen kann, denn niemand spricht mehr Chamicuro. Manche Dinge kann man nicht auf Spanisch sagen. Es ist einsam, die letzte zu sein.“

Abgesehen von der persönlichen Tragödie ist das Sterben einer Sprache auch stets ein Verlust für die gesamte Menschheit. Die Traditionen, Kenntnisse und Überlieferungen eines Volkes spiegeln sich in dessen Sprache wider, werden durch diese ausgedrückt und an die kommenden Generationen weitergegeben. Nach einer UNESCO-Erklärung ist die Sprachenvielfalt daher essentiell für das Erbe der Menschheit.

Doch auch die Weltsprache Deutsch ist in gewisser Weise vom Sprachensterben erfaßt, nämlich in jenen Regionen, in denen sie den Rang einer Minderheitensprache einnimmt. Die diversen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Assimilationskräfte in einem Staat können eine große Gefahr für Minderheitensprachen darstellen. Schließlich kann der Staat durch gesetzliche oder administrative Akte in vielfältiger Weise auf die Ent- wicklung und den sozialen Stellenwert einer Sprache Einfluß nehmen. Die Zukunft einer bedrohten Sprache hängt letztlich davon ab, welche rechtlichen Möglichkeiten zu ihrer Erhaltung existieren.

So konnten die Südtiroler dem italienischen Staat nach langem Kampf einen vorbildlichen Minderheitenschutz abringen. Das Deutsche in Südtirol ist daher langfristig gesichert. Anders sieht es im ehemals deutschen Elsaß aus. Da Frankreich vom Dogma der Unteilbarkeit der Republik ausgeht, sind Schutzmaßnahmen für Minderheiten dort undenk- bar. Aus diesem Grund gibt es im Elsaß auch keine flächendeckenden zweisprachigen Ortsschilder oder einen Gebrauch des Deutschen vor Behörden und Gerichten. Französisch hat das Deutsche in allen Lebensbereichen inzwischen weitgehend verdrängt.

Grundsätzlich verfügen wir Deutschsprachige über eine gesunde Sprache. Dennoch sollten wir nicht vergessen, dass die Sprachenvielfalt auf diesem Planeten bedroht ist. Wir hatten bloß das Glück in eine Sprache hineingeboren zu werden, die über 100 Millionen Sprecher zählt. Die Friesen, Liven, Bretonen, Samen, Kaschuben und tausende andere Völker haben dieses Glück nicht.

Buchtipp: Andreas Neumann: Sprachensterben in Europa. Rechtliche Maßnahmen zur Erhaltung von Minderheitensprachen. Wien: Braumüller Verlag 2009. 248 S., 24,90 Euro. ISBN 978-3-7003-169-0.



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