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domingo, 16 de enero de 2011

„Pfia God!“ – Das Bairische

Karte der Verbreitung des Bairischs
In Bayern und in Teilen Österreichs müßte es statt „Ich spreche gern Deutsch“ heißen: „I schmàtz gern Boarisch.“ Denn in Bayern sprechen ungefähr 70 vom Hundert  der Bevölkerung Bairisch, im österreichischen Teil des bairischen Sprachraums sind es sogar 80 vom Hundert. Bayern ist hier übrigens nicht gleichzusetzen mit dem südlichen deutschen Bundesland, denn dort sind außerdem das Fränkische und das Schwäbische verbreitet. Die Schreibweise bairisch (mit i!) meint das Sprachgebiet.

Mit mehr als zwölf Millionen Sprechern bildet das Bairische das größte zusammenhängende Dialektgebiet im deutschen Sprachraum. Es gliedert sich in das Gebiet des Nordbairischen in der Oberpfalz, des Mittelbairischen in Nieder- und Oberbayern und des Südbairischen in Österreich – mit Ausnahme von Vorarlberg – und Südtirol. 

Was ist typisch für das Bairische? 

Zugereisten fällt an der Aussprache oft die Länge der Vokale auf. Das a kann dunkel (Ståd – Stadt), mittel (Staad – Staat) oder hell (Sàggal – Säckchen) gesprochen werden. und sind den Bairisch-Sprechern unbekannt. An ihrer Stelle sagen die Bayern ohne Lippenrundung iba (= über), Gligg (= Glück) oder meng (= mögen) und kenna (= können). 

Viele bairische Diphthonge gibt es dagegen im Hochdeutschen nicht: Im Nordbairischen sagte man Kouh und męid (Kuh, müde), im Mittelbairischen heißt es G’fui, Hoiz und Goatn-l (= Gefühl, Holz, Garten). Auffällig sind die Verkleinerungsformen auf oder -al zum Beispiel Màndl/Màndal (= Männchen). Zudem fällt die Bildung des Konjunktivs mit dem Hilfsverb dád (= tut) oder der Endung -ád auf: Er dàd ge/Er gàngad (= Er ginge). Im bairischen Sprachraum erfreut sich das Relativpronomen wo an Stellen im Satz großer Beliebtheit, an denen es im Hochdeutschen falsch wäre: de wō des gsògt ham – die wo das gesagt haben.

Zum Schluß noch einige Kennwörter des Bairischen: In Bayern heißt es nicht Guten Tag!, sondern Griaß God! oder Pfia God! Andere Beispiele sind enk (= euch), Dult (= Jahrmarkt), Bua/Deandl (= Junge/Mädchen) und natürlich schmàtzn.

Elisabeth Wellner
Sprachnachrichten des VDS

viernes, 14 de enero de 2011

Hansesprache Niederdeutsch

Von Kiel bis Hannover, von Lingen bis Rostock kennt das Niederdeutsche 70 Begriffe für das Gänseblümchen, wie Blinkbloom, Dusendschökel, Hunnbloom, Marienbloimken, Marmelbloom oder Steenbloom. Das Gänseblümchen ist nicht vom Aussterben bedroht, einige niederdeutsche Dialekte hingegen schon.

Karte der Verbreitung des Niederdeutschen
Die Europäische Sprachencharta stufte Niederdeutsch deswegen 1999 als bedroht ein und erklärte, es als regionale Minderheitensprache zu fördern. Ergebnisse: die niedersächsische Verfassung gibt es jetzt auf Plattdeutsch und an der Universität Oldenburg ein Schwerpunktstudium Niederdeutsch.

Zum Niederdeutschen werden alle Mundarten gezählt, die es in Norddeutschland gibt. Es gibt etwa zehn Millionen niederdeutsche Sprecher. In Deutschland lassen sich ihre Sprechweisen geografisch und historisch in das West- und Ostniederdeutsche einteilen, die jeweils weiter untergliedert werden können. Zum Westniederdeutschen gehören Nordniedersächsisch, West- und Ostfälisch. Zu Ostniederdeutsch Märkisch, Mecklenburgisch, Vorpommersch, Ostpommersch und Niederpreußisch.

Das Niederdeutsche war einst eine bedeutende Schriftsprache, die auch in Urkunden und Gesetzestexten verwendet wurde. Es war die Verkehrssprache der Hanse und wurde lange Zeit im gesamten Nord-Ostsee-Raum gut verstanden. Seit dem 16. Jahrhundert bildete sich das Hochdeutsche heraus, so daß Niederdeutsche bis ins 20. Jahrhundert in vielen angestammten Gegenden gar nicht mehr oder nur noch von der ländlichen Bevölkerung beherrscht wurde.

Das Niederdeutsche hat die zweite germanische Lautverschiebung nicht mitgemacht. Besonders gut ist dies an den Lauten p, t und k zu erkennen, die nicht wie im Hochdeutschen zu pf, ts, ss und ch wurden. Ein Pferd blieb ein Peerd, ein Dorf ein Dorp und ich heißt ik. Deshalb sind viele niederdeutsche Wörter in west- und nordgermanischen Sprachen ähnlich, zum Beispiel ndt. Water (= Wasser), engl. water oder nd. Salt (= Salz), engl. salt, dän., schwed. salt.

Viele ursprünglich niederdeutsche Wörter benutzen wir heute in der Standardsprache, zum Beispiel Bernstein, Mettwurst, Möwe, Spuk, schmuggeln. Viele andere sind den Deutschsprechenden aus dem Süden aber gänzlich unbekannt: dat Fehn (das Moor), de Deern (das Mädchen), dat Kniv (das Messer), teuben (warten) oder snacken (sprechen).

mo - Sprachnachrichten des VDS


miércoles, 29 de diciembre de 2010

Können Sprachen sterben?

 „Es ist einsam, die Letzte zu sein“ 
Von Andreas Neumann


Der Kleine Prinz auf Saterfriesisch
Wir Deutschsprachige sind uns oft nicht bewußt, daß unsere Muttersprache in der Welt eine herausgehobene Stellung besitzt. Unter den weltweit rund 6.000 existierenden Sprachen nimmt das Deutsche mit über 100 Millionen Sprechern den 10. Rang ein. Innerhalb der EU ist das Deutsche sogar mit Abstand die verbreitetste Muttersprache, auch wenn sich dies im offiziellen Sprachgebrauch der europäischen Institutionen leider nicht in diesem Maße widerspiegelt. Der Status des Deutschen als Weltsprache ergibt sich auch daraus, daß es unzählige deutschsprachige Ange- bote in den Medien und der Kultur gibt.

Es ist daher festzustellen, daß wir Deutschsprachige den Luxus genießen, eine Weltsprache zur Muttersprache zu haben. Dieses Merkmal trifft nur auf sehr wenige Sprachen zu. 97 Prozent aller Menschen verwenden nur 4 Prozent der weltweit vorkom- menden Sprachen. Anders ausgedrückt: Rund 96 Prozent aller existierenden Sprachen werden lediglich von einem winzigen Teil der Weltbevölkerung (3 Prozent) gesprochen. Allein die 2.000 kleinsten Sprachen der Welt kommen zusammen auf nicht einmal eine halbe Million Sprecher. Der überwiegende Großteil aller Sprachen gehört somit zur Gruppe der Klein- und Kleinstsprachen.

Beispiele für solche Kleinsprachen sind in Europa das in Niedersachsen gesprochene Saterfriesische mit rund 2.000 Sprechern oder das Livische in Lettland mit weniger als zehn Sprechern. Für die Sprecher solcher Kleinsprachen ist vieles von dem, was für uns Deutschsprachige selbstverständlich ist, schlicht unmöglich oder unbekannt. Wer Saterfriesisch sprechen oder hören will, muß dies in der niedersächsischen Gemeinde Saterland tun. Im Radio, Fernsehen und Internet ist die Sprache so gut wie nicht vertreten. Es gibt kaum saterfriesische Literatur und überhaupt keine Software in dieser Sprache.

Der größte Unterschied zwischen den Sprechern einer Weltsprache und jenen einer Kleinsprache liegt jedoch darin, daß sich erstere keinerlei Sorgen darüber machen müssen, dass ihre Sprache in Bälde aussterben könnte. Deutsch wird auch noch in 100 Jahren gesprochen werden, Saterfriesisch kämpft schon jetzt jeden Tag um das Überleben. Das Deutsche gehört zu den nur zehn Prozent (!) aller Sprachen, die das Jahr 2100 mit Sicherheit erleben werden. Die übrigen 90 Prozent sind mehr oder minder vom Aussterben bedroht. Schon jetzt werden 30 Prozent aller Sprachen nicht mehr an die Kinder weitergegeben und sind somit dem Tode geweiht. Etwa alle zwei Wochen stirbt daher irgendwo in der Welt eine Sprache.

Da lebende Sprachen stets einem Wandel unterworfen sind, ist das Sterben einer Sprache an und für sich nichts Ungewöhnliches. Doch seit dem 16. Jahrhundert geht die Zahl der existierenden Sprachen überall in der Welt mit einer immer größeren Geschwindigkeit zurück. Dieses in der Geschichte noch nie da gewesene Massensterben der Sprachen ist vor allem eine Folge des Kolonialismus durch die europäischen Mächte. Darüber hinaus haben verschiedenste Faktoren der Neuzeit (Industrialisierung, Urbanisierung, Globalisierung, Ausbreitung der nationalstaatlichen Idee, Verfolgung von Minderheiten etc.) das Massensterben der Sprachen noch verstärkt.

Natalie Sangama, die letzte Sprecherin der einst in Peru verbreiteten indigenen Chamicuro-Sprache, hat die persönliche Dramatik des Sprachensterbens mit folgenden Worten geschildert: „Ich träume in Chamicuro, aber ich habe niemanden, dem ich meine Träume erzählen kann, denn niemand spricht mehr Chamicuro. Manche Dinge kann man nicht auf Spanisch sagen. Es ist einsam, die letzte zu sein.“

Abgesehen von der persönlichen Tragödie ist das Sterben einer Sprache auch stets ein Verlust für die gesamte Menschheit. Die Traditionen, Kenntnisse und Überlieferungen eines Volkes spiegeln sich in dessen Sprache wider, werden durch diese ausgedrückt und an die kommenden Generationen weitergegeben. Nach einer UNESCO-Erklärung ist die Sprachenvielfalt daher essentiell für das Erbe der Menschheit.

Doch auch die Weltsprache Deutsch ist in gewisser Weise vom Sprachensterben erfaßt, nämlich in jenen Regionen, in denen sie den Rang einer Minderheitensprache einnimmt. Die diversen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Assimilationskräfte in einem Staat können eine große Gefahr für Minderheitensprachen darstellen. Schließlich kann der Staat durch gesetzliche oder administrative Akte in vielfältiger Weise auf die Ent- wicklung und den sozialen Stellenwert einer Sprache Einfluß nehmen. Die Zukunft einer bedrohten Sprache hängt letztlich davon ab, welche rechtlichen Möglichkeiten zu ihrer Erhaltung existieren.

So konnten die Südtiroler dem italienischen Staat nach langem Kampf einen vorbildlichen Minderheitenschutz abringen. Das Deutsche in Südtirol ist daher langfristig gesichert. Anders sieht es im ehemals deutschen Elsaß aus. Da Frankreich vom Dogma der Unteilbarkeit der Republik ausgeht, sind Schutzmaßnahmen für Minderheiten dort undenk- bar. Aus diesem Grund gibt es im Elsaß auch keine flächendeckenden zweisprachigen Ortsschilder oder einen Gebrauch des Deutschen vor Behörden und Gerichten. Französisch hat das Deutsche in allen Lebensbereichen inzwischen weitgehend verdrängt.

Grundsätzlich verfügen wir Deutschsprachige über eine gesunde Sprache. Dennoch sollten wir nicht vergessen, dass die Sprachenvielfalt auf diesem Planeten bedroht ist. Wir hatten bloß das Glück in eine Sprache hineingeboren zu werden, die über 100 Millionen Sprecher zählt. Die Friesen, Liven, Bretonen, Samen, Kaschuben und tausende andere Völker haben dieses Glück nicht.

Buchtipp: Andreas Neumann: Sprachensterben in Europa. Rechtliche Maßnahmen zur Erhaltung von Minderheitensprachen. Wien: Braumüller Verlag 2009. 248 S., 24,90 Euro. ISBN 978-3-7003-169-0.



martes, 28 de diciembre de 2010

Sterben die Dialekte ?

Von Horst Haider Munske


Karte del deutschen Dialekte ohne Ostgebiete
Diese Frage bewegt viele Menschen. Würde im deutschen Sprachgebiet nur noch Hochdeutsch gesprochen, dann wäre das eine spürbare Einbuße im menschlichen Miteinander. Im Dialekt sind sich die Menschen näher, sie reden ausdrucksreicher, emotionaler, weniger distanziert miteinander. Dialekte sind das sichtbarste Merkmal regionaler Identität. Auch der Zugereiste kann daran mit Vergnügen teilhaben, wenn er sich etwas eingehört hat und seinem Gegenüber zu verstehen gibt: Er muß mit ihm nicht in den hochdeutschen Code wechseln.

Zwei Beobachtungen begründen die Sorge um das Dialektsterben: der Rückgang des Dialektgebrauchs im Alltag und der vermeintliche Dialektverfall bei vielen jüngeren Sprechern. Das eine ist Ausdruck eines Sprachwechsels vom mündlichen Sprachverkehr zur prestigeträchtigeren Hochsprache. Das andere ist Folge des Kontakts zwischen Dialekt und Standardsprache. Im Munde zweisprachiger Sprecher übernehmen die Dialekte Wörter, Lautungen und grammatische Merkmale der Hochsprache und wandeln sich zu regionalen Umgangssprachen. Diese haben in vielen Regionen Deutschlands die Rolle der Dialekte als mündliche Alltags- sprachen übernommen.

Die Klage über den Untergang der Dialekte ist übrigens so alt wie die über den Sittenverfall bei der Jugend, den Sprachverfall im Allgemeinen, den Verfall der Lesekultur, der Umgangsformen usw. Sie ist ein Ausdruck des Mißvergnügens über den Wandel der Sitten, des Sprachgebrauchs und eben auch der Dialekte. Aber warum sterben die Dialekte? Läßt es sich aufhalten? Gilt das für alle Dialekte? Gibt es eine gegenteilige Entwicklung, aus der einst auch unsere Hochsprache hervorgegangen ist, der Ausbau der Dialekte zu einer überregionalen Schriftsprache? Diesen Fragen ist eine Vortragsreihe an der Universität Erlangen-Nürnberg nachgegangen, in der über den bundesdeutschen Sprachraum hinaus die Dialektverhältnisse in der Schweiz, in den bairischen Sprachinseln Oberitaliens, in Nordfriesland, im arabischen Raum und in Lousiana/ USA vergleichend einbezogen wurden (im Internet publiziert unter www.dialektforschung.phil. uni-erlangen.de). Daraus werden im folgenden einige Aspekte zusammengefaßt.

Wie sterben die Dialekte?

„Sterben“ können Dialekte natürlich nicht im eigentlichen Sinne wie Menschen, Tiere, Pflanzen. Ihr Untergang ist immer an die Menschen gebunden, die sie gebrauchen. Sprachen existieren durch ihre Sprecher. Durch sie werden sie an die nächsten Generationen weitergegeben. Der Spracherwerb der Kinder ist die Voraussetzung für das Weiterleben einer Sprache. Wenn dieser Weg abgebrochen wird, ist das Weiterleben einer Sprache in ernster Gefahr. Und wenn der letzte Sprecher einer Sprache gestorben ist, dann ist auch der Sprachtod eingetreten. So ging zum Beispiel der ostfriesische Dialekt auf der Insel Wan- gerooge endgültig unter, als die letzte Sprecherin im Jahre 1950 verstarb.

Tote Sprachen können natürlich, wenn sie aufgezeichnet wurden, wenn literarische Denkmäler überliefert sind, weiterhin gelesen werden, aber dies ist ein künstliches Leben, eine Art Wachkoma der Sprachen, sie leben nur noch durch diese Aufzeichnungen, nicht als Gebrauchssprachen, die der Mensch als Kind von den Eltern erlernt und im Gebrauch produktiv verändern kann.

Das Sterben der Dialekte – und überhaupt von Sprachen – hat zwei Hauptursachen: äußere, wie Naturkatastrophen, Kriege, Vertreibung, Genozid, von der die Sprecher betroffen werden. Die andere Ursache liegt im Sprachverhalten der Sprecher selbst, in der freiwilligen Abwendung von ihrer Sprache zugunsten einer anderen. Dies gilt vor allem für mehrsprachige Gesellschaften. In der Konkurrenz von Sprachen gehen manche unter, weil ihnen eine andere von den Sprechern vorgezogen wird.

Ursachen des Sterbens

Betrachten wir einige Beispiele. In Nordfriesland, auf den Inseln Föhr, Amrum, Sylt und Helgoland, auf den Halligen und dem gegenüberliegenden Festland gibt es zur Zeit etwa 5.000 Muttersprachler der verschiedenen nordfriesischen Dialekte. Trotz lebhafter institutioneller Bemühungen in Kindergärten, Schulen und Vereinen, diesen Stand zu halten oder gar zu verbessern, ist der Erhalt dieser kleinen, seit über 1.000 Jahren bestehenden Sprachgemeinschaft stark gefährdet. Die ersten schweren Einbrüche bedeuteten die gewaltigen Sturmfluten („Grote Mandränke“) von 1362 und 1634, durch welche ein ursprünglich weitgehend verbundenes Siedlungs- und Sprachgebiet durch das Meer auseinandergerissen, zerstückelt und verkleinert wurde. Ähnliches widerfuhr erst in jüngster Zeit den kleinen Sprachgemeinschaften französischer und spanischer Dialekte (Cadien und Isleño) in Louisiana/USA. Die Wirbelstürme Katrina und Rita haben nicht nur in New Orleans verheerende Zerstörungen verursacht, durch die Evakuierungen wurden die kleinen Sprachgemeinschaften dieser Region so auseinandergerissen, daß Beobachter hier vom sudden language death (übersetzt: „plötzlichen Sprachtod“) sprechen. Menschenwerk dagegen waren die zahllosen Vertreibungen oder sogenannte Umsiedlungen des 20. Jahrhunderts, von Kurden, Armeniern und Griechen, von Wolgadeutschen, Schlesiern, Ostpreußen, Westpreußen, Memelländer, Balten, Sudentendeutschen und unzähligen anderen. Auch ihre Dialekte waren davon betroffen. Die Überlebenden bewahren ihre Heimatsprachen meist bis an den Tod, aber selten geben sie sie an ihre Kinder und Enkel weiter. Diese sozialisieren sich in neuer Umgebung, auch sprachlich. Verheerend betroffen waren die jiddischen Dialekte vom Genozid der Juden in West-, Mittel-, Süd- und Osteuropa. Doch sei hier auch ein singulärer Fall der Dialekt-Erhaltung erwähnt: Bis heute haben sich Reste des Westjiddischen im sogenannten Lachoudischen im Dorf Schopfloch im bayerischen Bezirk Mittelfranken erhalten. Obwohl das Jiddische bereits Ende des 19. Jahrhunderts durch den Sprachwechsel der meisten Sprecher vor dem Untergang stand, hat es sich als Hausierer- und Viehhändlersprache in regionalen Nischen erhalten. Schopflocher beherrschen noch bis zu 500 jiddische Wörter hebräischer Herkunft, die sie nach altem Brauch auch manchmal als Geheimsprache nutzen.

Zu den äußeren Ursachen des Dialektsterbens müssen wir auch Veränderungen zählen, die gemeinhin als Fortschritt gelten: die Verbesserung der verkehrsmäßigen Infrastruktur und die Erschließung neuer Erwerbsquellen durch den Tourismus. Beides hat in Nordfriesland dazu geführt, dass Friesisch als öffentliche Verkehrssprache anfangs vom Plattdeutschen, heute vom Hochdeutschen abgelöst wurde, dass alle Friesischsprecher zwei- oder dreisprachig sind und ihren friesischen Dialekt fast nur noch als Haus- und Nachbarschaftssprache benutzen. Solche Mehrsprachigkeit führt in der Regel zu einer Hierarchisierung der Sprachen. Ähnlich gefährdet sind die Dialekte in zwei altertümlichen bairischen Sprachinseln jenseits der Alpen, die erste Forscher im 19. Jahrhundert bis zu dem Kimbern und Teutonen der Völkerwan- derungszeit zurückführen wollten und deshalb Zimbrisch nannten.

Der Erhalt dieser Sprachinseln über Jahrhunderte ist ihrer Abgeschiedenheit und Unzugänglichkeit im Gebirge zu danken. Moderne Infrastruktur erlöst die Bewohner aus solcher Beschaulichkeit, eröffnet neue Berufsmöglichkeiten außerhalb der traditionellen Landwirtschaft und schafft dauerhafte Kontakte zu den italienischen Nachbarn. Stets befinden sich die Mitglieder solcher kleinen Sprachgemeinschaften im Konflikt zwischen dem Wunsch, ihre sprachliche Eigenart und Identität zu bewahren und dem natürlichen Bedürfnis der jüngeren Generationen, die kommunikative Isolierung zu verlassen und sich durch einen Sprachwechsel den Anforderungen und Lockungen der heutigen Lebens- und Arbeitswelt zu öffnen. Was hier erst vor wenigen Jahrzehnten begonnen hat, prägt die Dialektentwickung in Deutschland seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Auch wenn die Dialekte auf dem Lande in 150 Jahren erstaunlich stabil geblieben sind, ihr Gebrauch ist rapide zurückgegangen.


Mehrsprachigkeit als Modell

Dieser Entwicklung haben die Deutschschweizer bis heute widerstanden. Die alemannischen Dialekte der Schweiz sind unangefochten das alleinige Medium aller Bevölkerungsschichten in allen mündlichen Kommunikationssituationen: nicht nur im Haus und auf der Straße, ebenso im Radio, in den Behörden, beim Militär, im Parlament. Dabei bedient sich jeder seines eigenen heimatlichen Dialekts, wird verstanden und versteht sein Gegenüber. Nebenbei kann jeder aus solcher Spracherfahrung den anderen lokalisieren, das heißt über den Dialekt seine Herkunft als Berner, Zürcher, Walliser usw. erkennen. Die deutsche Standardsprache dient ausschließlich als Schriftsprache der Deutschschweizer, wird in der Schule vermittelt, aber allenfalls im Kontakt mit Nichtschweizern (nicht ohne Akzent) benutzt. Sprachwissenschaftler bezeichnen solche stabile Funktionsteilung zweier verwandter Sprachen in einer Sprachgemeinschaft als Diglossie (das griechische Wort für „Zweisprachigkeit“).

Im Vergleich zum deutschen Nachbarn kennen die Schweizer keine Beschränkung des Dialekts auf bestimmte Gebrauchssphären, zum Beispiel Landwirtschaft, traditionelle Handwerke u. ä. Das führt dazu, daß auch der Wortschatz der Schriftsprache in den Dialekt aufgenommen wird, allerdings lautlich integriert. So wird aus hochdeutsch Entwicklung ein schweizerdeutsches Entwicklig, aus Einsatz wird Iisatz, aus möglicherweise wird möglicherwiis. Mit solchem integrierten Import sind die Dialekte jedem Thema gewachsen und verändern sich – zumindest lexikalisch – rasch. Das widerspricht mancher Erwartung, die Dialekte der Großeltern ließen sich konservieren. Sie bleiben nur lebendig und werden von den Eltern den Kindern als Muttersprache weitergegeben, wenn sie dem Leistungsanspruch heutiger mündlicher Kommunikation angepasst werden.

Mit dem Begriff Diglossie läßt sich das Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache in vielen Sprachgemeinschaften gut beschreiben.

Ein klassischer Fall der Arbeitsteilung beider Varietäten besteht in den arabischen Staaten. Die heutige arabische Hochsprache, eine konservierte Form des Klassischen Arabisch, wird nirgends als Muttersprache erworben, erst in den Schulen vermittelt und stellt ein religiös motiviertes Bindeglied aller arabischsprachigen Länder dar. Gesprochen und als Muttersprachen erlernt werden aber die regionalen arabischen Dialekte. Auch hier herrscht eine stabile Diglossie. Doch während in der Schweiz die Dialekte als nationale Varietät hohes Prestige genießen, gelten die arabischen Dialekte nichts im Vergleich zur Schriftsprache. Dies ist eine extreme Form von Fehleinschätzung der Varietäten gesprochener Sprache, die auch in Deutschland lange vorherrschend war.

Lehren aus dem Vergleich

Was lehren diese Beispiele und Vergleiche? Dialekte sind wie alle Sprachen einzigartige Zeugnisse unserer Lebenskultur, sie sind kulturelle Artefakte des Menschen. Das schützt sie aber nicht vor Wandel oder Untergang. Ihre Lebensbedingungen gleichen den Biotopen der Natur. Deren Wandel müssen sich Tiere und Pflanzen anpassen oder sie gehen ein. Wie in der Natur gibt es auch für Sprachen einen gewissen Schutz seitens der Politik. Friesisch und Sorbisch werden als Minderheits- sprachen unterstützt, zum Bei- spiel in den Schulen auf Wyk/ Föhr und in Bautzen/Oberlausitz gelehrt. Auch gegenüber den Dialekten hat sich die Einstellung gewandelt. Sie werden zum Beispiel in bayerischen Schulen gepflegt und gefördert, nicht mehr wie einst als Hindernisse beim Erlernen des Hochdeutschen ver- teufelt. Die Schule will keineswegs der Feind der Dialekte sein, es sind vielmehr – das haben neuere Studien gezeigt – viele Eltern, welche ihren Kindern, aus Angst um deren Fortkommen, den eigenen Dialekt abgewöhnen wollen.

Die Zukunft der deutschen Dialekte liegt weniger in der vollständigen Erhaltung der kleinteiligen Vielfalt, sondern in ihrer Kombination mit den neuen Regionalsprachen, den überregionalen Umgangssprachen, die – besonders in Süddeutschland – zunehmend die Hauptrolle der mündlichen Kommunikation übernehmen. Auch die Dialektforschung hat sich dieser neuen Situation angepasst. Ihr Thema sind nicht mehr in erster Linie die traditionellen Dialekte älterer Sprecher auf dem Lande, sondern alle Varietäten gesprochener Sprache außer dem Hochdeutsch der Nachrichtensprecher, das heißt Dia- lekte, Umgangsprachen und die verschiedenen regionalen Akzente hochdeutschen Sprechens. Diese Lebenswirklichkeit des Deutschen sollten wir schätzen und bewahren.

Horst Haider Munske ist emeritierter Professor für germanische und deutsche Sprachwissenschaft und Mundartkunde an der Universität Erlangen-Nürnberg