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lunes, 20 de febrero de 2012

Deutsch auf dem Weg zum Feierabenddialekt?


Zum Internationalen Tag der Muttersprache erinnert der Verein Deutsche Sprache e.V. an den dramatischen Bedeutungsverlust des Deutschen als Sprache von Kultur und Wissenschaft. In immer mehr Lebensbereichen würde das Deutsche vom Englischen verdrängt und so zu einer Feierabendsprache degradiert.

„Die deutsche Sprache leidet unter einer extremen Illoyalität vieler ihrer Sprecher“, begründet der Vereinsvorsitzende Professor Dr. Walter Krämer diesen Statusverlust. Wenn deutsche Wirtschaftsführer oder sonstige Prominente im Ausland aus dem Flugzeug stiegen, sprächen sie in aller Regel sofort Englisch. „Wir können nicht erwarten, dass andere unsere Sprache ernst nehmen, wenn wir sie selbst mit Füßen treten“, so Krämer. Das Deutsche sei zwar nicht wie 3.000 andere Sprachen vom vollständigen Aussterben bedroht, verliere aber zusehends seine Tauglichkeit zum Beschreiben der Welt des 21. Jahrhunderts. Der VDS fordert daher, das Vordringen des Englischen in Deutschland auch da, wo es nicht durch die Umstände geboten ist, anzuhalten und sich wieder auf die Ausdrucksmöglichkeiten der eigenen Muttersprache zu besinnen.

Quelle: VDS e.V.


martes, 3 de enero de 2012

Englisch wird als Gerichtssprache in Deutschland zugelassen


Der Weg für das Englische als Sprache vor deutschen Gerichten ist offenbar frei. Am 9. November beriet der Rechtsausschuß des Bundestages über einen Gesetzentwurf des Bundesrates. Mit diesem soll das Englische an deutschen Landgerichten in Kammern für internationale Handelssachen die Verhandlungssprache werden. Ziel ist es, den „Justizstandort Deutschland“ zu stärken und lukrative Wirtschaftsprozesse an deutsche Gerichte zu ziehen. 

Die Ausschußmitglieder hörten Stellungnahmen von fünf Juristen und zwei Vertretern aus der Wirtschaft. Fast alle befür- worteten das Vorhaben. Nur Wolf- gang Ball, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, und Axel Flessner, Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsche Sprache, warnten davor, Englisch als Gerichtssprache zuzulassen. 

Der VDS hatte zuvor noch einmal die Mitglieder des Rechtsausschusses mit einem offenen Brief auf die Tragweite und Gefahren der Gesetzesvorlage hingewiesen. Demnach sei das deutsche Recht untrennbar mit der deutschen Sprache verbunden und der Bedarf an Kammern für internationale Handelssachen an deutschen Gerichten so gering, daß er eine derart fundamentale Änderung des Gerichtsverfassungsgesetzes nicht rechtfertigt. Es widerspreche einem wesentlichen Prinzip unserer Demokratie, wenn Teile des deutschen Rechtssystems ins Englische abwandern. Für fragwürdige Gruppeninteressen wird hier ein grundlegender Inhalt unserer Rechtskultur im wahrsten Sinne des Wortes „verkauft“. Der VDS wird sich vor einer Abstimmung über den Gesetzentwurf im Bundestag noch einmal an die Abgeordneten wenden. hok

Quelle: Verein Deutsche Sprache - Sprachnachrichten Nr. 52

viernes, 14 de enero de 2011

Hansesprache Niederdeutsch

Von Kiel bis Hannover, von Lingen bis Rostock kennt das Niederdeutsche 70 Begriffe für das Gänseblümchen, wie Blinkbloom, Dusendschökel, Hunnbloom, Marienbloimken, Marmelbloom oder Steenbloom. Das Gänseblümchen ist nicht vom Aussterben bedroht, einige niederdeutsche Dialekte hingegen schon.

Karte der Verbreitung des Niederdeutschen
Die Europäische Sprachencharta stufte Niederdeutsch deswegen 1999 als bedroht ein und erklärte, es als regionale Minderheitensprache zu fördern. Ergebnisse: die niedersächsische Verfassung gibt es jetzt auf Plattdeutsch und an der Universität Oldenburg ein Schwerpunktstudium Niederdeutsch.

Zum Niederdeutschen werden alle Mundarten gezählt, die es in Norddeutschland gibt. Es gibt etwa zehn Millionen niederdeutsche Sprecher. In Deutschland lassen sich ihre Sprechweisen geografisch und historisch in das West- und Ostniederdeutsche einteilen, die jeweils weiter untergliedert werden können. Zum Westniederdeutschen gehören Nordniedersächsisch, West- und Ostfälisch. Zu Ostniederdeutsch Märkisch, Mecklenburgisch, Vorpommersch, Ostpommersch und Niederpreußisch.

Das Niederdeutsche war einst eine bedeutende Schriftsprache, die auch in Urkunden und Gesetzestexten verwendet wurde. Es war die Verkehrssprache der Hanse und wurde lange Zeit im gesamten Nord-Ostsee-Raum gut verstanden. Seit dem 16. Jahrhundert bildete sich das Hochdeutsche heraus, so daß Niederdeutsche bis ins 20. Jahrhundert in vielen angestammten Gegenden gar nicht mehr oder nur noch von der ländlichen Bevölkerung beherrscht wurde.

Das Niederdeutsche hat die zweite germanische Lautverschiebung nicht mitgemacht. Besonders gut ist dies an den Lauten p, t und k zu erkennen, die nicht wie im Hochdeutschen zu pf, ts, ss und ch wurden. Ein Pferd blieb ein Peerd, ein Dorf ein Dorp und ich heißt ik. Deshalb sind viele niederdeutsche Wörter in west- und nordgermanischen Sprachen ähnlich, zum Beispiel ndt. Water (= Wasser), engl. water oder nd. Salt (= Salz), engl. salt, dän., schwed. salt.

Viele ursprünglich niederdeutsche Wörter benutzen wir heute in der Standardsprache, zum Beispiel Bernstein, Mettwurst, Möwe, Spuk, schmuggeln. Viele andere sind den Deutschsprechenden aus dem Süden aber gänzlich unbekannt: dat Fehn (das Moor), de Deern (das Mädchen), dat Kniv (das Messer), teuben (warten) oder snacken (sprechen).

mo - Sprachnachrichten des VDS


jueves, 30 de diciembre de 2010

Die Sprache(n) der Wissenschaft

von Magdalena Bayreuther

Ein Kolloquium an der Universität Bamberg befaßte sich mit dem historischen und gegenwärtigen Status des Deutschen als Wissenschaftssprache.



Neben Beiträgen zur Entwicklung des Lexikons und der Syntax und den Wissenschaftssprachen Französisch und Polnisch standen Vorträge zur Geschichte der Wissenschaftssprache Deutsch und zu ihrer Lage in verschiedenen Wissenschaften auf dem Programm. Veranstalter waren Prof. Dr. Helmut Glück, Dr. Wieland Eins und Dipl. Germ. Sabine Pretscher.

Christopher Baethge (Köln), Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Redakteur beim Deutschen Ärzteblatt, berichtete über die Lage der Wissenschaftssprache Deutsch in der Medizin. Seiner Einschätzung nach sei das Deutsche dort nicht existentiell bedroht, da es in der Praxis, zum Beispiel beim Patientenkontakt, unerläßlich sei. Bei den Zeitschriftenbeiträgen, die in der Medizin den Großteil der fachlichen Publikation ausmachten, steht jedoch eindeutig das Englische im Vordergrund. Henning Hopf (Braunschweig) gab Auskunft über die Wissenschaftssprache Deutsch in der Chemie. Bis in die 1960er Jahre spielte das Deutsche dort eine große Rolle. Inzwischen sei es fast völlig durch das Englische verdrängt worden, wie man zum Beispiel am „European Journal of Organic (bzw. Inorganic) Chemistry“, dem zentralen europäischen Veröffentlichungsorgan, sehen könne. Publiziert wird hier ausschließlich auf Englisch.

In den Wirtschaftswissenschaften sei die Stellung des Deutschen dagegen nicht aussichtslos, wie Walter Krämer (Dortmund) mit- teilte. So müßten deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Ergebnisse in der Sprache des Auftraggebers veröffentlichen. An vielen Wirtschaftsschulen sei die Unterrichtssprache wie- der vom Englischen auf das Deutsche umgestellt worden. Laut Krämer sei die englische Sprache als „Türöffner“ gut dafür geeignet, ausländische Studenten an deutsche Universitäten zu holen. Die Studierenden müßten dann aber in den folgenden ein bis zwei Jahren Deutsch lernen. Auch in der Philosophie dominiere das Englische laut Pirmin Stekeler-Weithofer (Leipzig) seit etwa 1970. Allerdings sei das Interesse an der deutschen Sprache dank der großen deutschsprachigen Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts nicht gänzlich erloschen. Wichtig seien in der Philosophie vor allem „kompetente Sprecher, die Herr ihrer Sprache sind“. Deswegen sei es ärgerlich, daß philosophische Veröffentlichungen aus Deutschland oft schlecht ins Englische übersetzt werden, da es Schwierigkeiten mache, die philosophische Quintessenz in ihrem genauen Sinn zu übertragen.

Urszula Żydek-Bednarczuk (Kattowitz) berichtete über das Polnische als Wissenschaftssprache. Demnach entwickelte sich ein wissenschaftlicher Stil im Polnischen schon in der Renaissance. In letzter Zeit überwiege aber immer mehr die Alltagssprache in wissenschaftlichen Texten, und das Interesse an der Wissenschaftssprache Polnisch nehme ab. In seinem Bericht zum Französischen als Wissenschaftssprache erwähnte Martin Haase (Bamberg) zunächst zwei wichtige historische Ereignisse: die Gründung der Académie française 1634/35 und die Enzyklopädie von Denis Diderot im 18. Jahrhundert. 1964 erschien der Artikel „Parlez-vous franglais“ von Rene Etiemble, in dem scharfe Kritik an Umgangs-, Zeitungs- und Werbungssprache geübt wurde. Haase bezeichnete ihn als „Sputnikschock der Franzosen“. Daraufhin initiierte der Staat den „Haut Conseil de la langue française“, der sich seitdem mit entsprechenden Terminologiekommissionen und
-erlassen um neue Wörter im Französischen kümmert.

Thomas Baier (Würzburg) referierte über „Die Entstehung der lateinischen Wissenschaftssprache aus dem Geist der hellenistischen Literatur“. Er setzte die Entstehung einer lateinischen Fachsprache durch Cato den Älteren um ca. 240 v. Chr. an. Sie sei mit der Entwicklung einer Fachterminologie und mit den Stiltugenden perspicuitas und brevitas durch Lukrez und Cicero zu ihrer Entfaltung gekommen. Die Entwicklung der Wissenschaftssprache Deutsch aus dem Lateinischen war Gegenstand des Vortrags „Deutsch statt Latein! Zur Entwicklung der Wissenschafts- sprachen in der frühen Neuzeit“ von Wolf Peter Klein (Würzburg). Er behandelte vor allem die „Vor- und Frühgeschichte“ dieser Entwicklung, die Ende des 17./ Anfang des 18. Jahrhunderts einsetzte und vor allem praktischen Notwendigkeiten entsprang: Man brauchte deutsche Bezeichnungen in der Medizin, der Kräuterkunde, der Mathematik etc. Roswitha Reinbothe (Duisburg) referierte über die „Geschichte des Deutschen als Wissenschaftssprache im 20. Jahrhundert“, das nach dem Ersten Weltkrieg durch einen massiven Boykott durch die Siegermächte einen an Bedeutung verlor und durch das Englische und Französische ersetzt wurde.

Wie sich dieser Domänenverlust des Deutschen auf die deutsche Sprache auswirkte, erörterte Peter Eisenberg (Pots- dam) in seinem Beitrag „Deutsch ohne Wissenschaft. Hat der Nicht- gebrauch Folgen für die Sprache?“ Er unterstrich, daß das Ansehen einer Sprache zunächst innerhalb seiner Sprechergemeinschaft sinke: „Die Wissenschaft braucht die ganze Sprache, nicht nur den ‚guten Stil‘“.

Konrad Ehlich (Berlin) schließlich befaßte sich mit „Wissenschaftssprachlichen Strukturen“, die von einer allgemeinen Charakteristik über ihre Voraussetzungen und lexikalischen Strukturen bis hin zur Wissenschaftssprachkomparatistik führten.

Quelle: Sprachnachrichten 04/2009

www.vds.-es.de


martes, 28 de diciembre de 2010

Sterben die Dialekte ?

Von Horst Haider Munske


Karte del deutschen Dialekte ohne Ostgebiete
Diese Frage bewegt viele Menschen. Würde im deutschen Sprachgebiet nur noch Hochdeutsch gesprochen, dann wäre das eine spürbare Einbuße im menschlichen Miteinander. Im Dialekt sind sich die Menschen näher, sie reden ausdrucksreicher, emotionaler, weniger distanziert miteinander. Dialekte sind das sichtbarste Merkmal regionaler Identität. Auch der Zugereiste kann daran mit Vergnügen teilhaben, wenn er sich etwas eingehört hat und seinem Gegenüber zu verstehen gibt: Er muß mit ihm nicht in den hochdeutschen Code wechseln.

Zwei Beobachtungen begründen die Sorge um das Dialektsterben: der Rückgang des Dialektgebrauchs im Alltag und der vermeintliche Dialektverfall bei vielen jüngeren Sprechern. Das eine ist Ausdruck eines Sprachwechsels vom mündlichen Sprachverkehr zur prestigeträchtigeren Hochsprache. Das andere ist Folge des Kontakts zwischen Dialekt und Standardsprache. Im Munde zweisprachiger Sprecher übernehmen die Dialekte Wörter, Lautungen und grammatische Merkmale der Hochsprache und wandeln sich zu regionalen Umgangssprachen. Diese haben in vielen Regionen Deutschlands die Rolle der Dialekte als mündliche Alltags- sprachen übernommen.

Die Klage über den Untergang der Dialekte ist übrigens so alt wie die über den Sittenverfall bei der Jugend, den Sprachverfall im Allgemeinen, den Verfall der Lesekultur, der Umgangsformen usw. Sie ist ein Ausdruck des Mißvergnügens über den Wandel der Sitten, des Sprachgebrauchs und eben auch der Dialekte. Aber warum sterben die Dialekte? Läßt es sich aufhalten? Gilt das für alle Dialekte? Gibt es eine gegenteilige Entwicklung, aus der einst auch unsere Hochsprache hervorgegangen ist, der Ausbau der Dialekte zu einer überregionalen Schriftsprache? Diesen Fragen ist eine Vortragsreihe an der Universität Erlangen-Nürnberg nachgegangen, in der über den bundesdeutschen Sprachraum hinaus die Dialektverhältnisse in der Schweiz, in den bairischen Sprachinseln Oberitaliens, in Nordfriesland, im arabischen Raum und in Lousiana/ USA vergleichend einbezogen wurden (im Internet publiziert unter www.dialektforschung.phil. uni-erlangen.de). Daraus werden im folgenden einige Aspekte zusammengefaßt.

Wie sterben die Dialekte?

„Sterben“ können Dialekte natürlich nicht im eigentlichen Sinne wie Menschen, Tiere, Pflanzen. Ihr Untergang ist immer an die Menschen gebunden, die sie gebrauchen. Sprachen existieren durch ihre Sprecher. Durch sie werden sie an die nächsten Generationen weitergegeben. Der Spracherwerb der Kinder ist die Voraussetzung für das Weiterleben einer Sprache. Wenn dieser Weg abgebrochen wird, ist das Weiterleben einer Sprache in ernster Gefahr. Und wenn der letzte Sprecher einer Sprache gestorben ist, dann ist auch der Sprachtod eingetreten. So ging zum Beispiel der ostfriesische Dialekt auf der Insel Wan- gerooge endgültig unter, als die letzte Sprecherin im Jahre 1950 verstarb.

Tote Sprachen können natürlich, wenn sie aufgezeichnet wurden, wenn literarische Denkmäler überliefert sind, weiterhin gelesen werden, aber dies ist ein künstliches Leben, eine Art Wachkoma der Sprachen, sie leben nur noch durch diese Aufzeichnungen, nicht als Gebrauchssprachen, die der Mensch als Kind von den Eltern erlernt und im Gebrauch produktiv verändern kann.

Das Sterben der Dialekte – und überhaupt von Sprachen – hat zwei Hauptursachen: äußere, wie Naturkatastrophen, Kriege, Vertreibung, Genozid, von der die Sprecher betroffen werden. Die andere Ursache liegt im Sprachverhalten der Sprecher selbst, in der freiwilligen Abwendung von ihrer Sprache zugunsten einer anderen. Dies gilt vor allem für mehrsprachige Gesellschaften. In der Konkurrenz von Sprachen gehen manche unter, weil ihnen eine andere von den Sprechern vorgezogen wird.

Ursachen des Sterbens

Betrachten wir einige Beispiele. In Nordfriesland, auf den Inseln Föhr, Amrum, Sylt und Helgoland, auf den Halligen und dem gegenüberliegenden Festland gibt es zur Zeit etwa 5.000 Muttersprachler der verschiedenen nordfriesischen Dialekte. Trotz lebhafter institutioneller Bemühungen in Kindergärten, Schulen und Vereinen, diesen Stand zu halten oder gar zu verbessern, ist der Erhalt dieser kleinen, seit über 1.000 Jahren bestehenden Sprachgemeinschaft stark gefährdet. Die ersten schweren Einbrüche bedeuteten die gewaltigen Sturmfluten („Grote Mandränke“) von 1362 und 1634, durch welche ein ursprünglich weitgehend verbundenes Siedlungs- und Sprachgebiet durch das Meer auseinandergerissen, zerstückelt und verkleinert wurde. Ähnliches widerfuhr erst in jüngster Zeit den kleinen Sprachgemeinschaften französischer und spanischer Dialekte (Cadien und Isleño) in Louisiana/USA. Die Wirbelstürme Katrina und Rita haben nicht nur in New Orleans verheerende Zerstörungen verursacht, durch die Evakuierungen wurden die kleinen Sprachgemeinschaften dieser Region so auseinandergerissen, daß Beobachter hier vom sudden language death (übersetzt: „plötzlichen Sprachtod“) sprechen. Menschenwerk dagegen waren die zahllosen Vertreibungen oder sogenannte Umsiedlungen des 20. Jahrhunderts, von Kurden, Armeniern und Griechen, von Wolgadeutschen, Schlesiern, Ostpreußen, Westpreußen, Memelländer, Balten, Sudentendeutschen und unzähligen anderen. Auch ihre Dialekte waren davon betroffen. Die Überlebenden bewahren ihre Heimatsprachen meist bis an den Tod, aber selten geben sie sie an ihre Kinder und Enkel weiter. Diese sozialisieren sich in neuer Umgebung, auch sprachlich. Verheerend betroffen waren die jiddischen Dialekte vom Genozid der Juden in West-, Mittel-, Süd- und Osteuropa. Doch sei hier auch ein singulärer Fall der Dialekt-Erhaltung erwähnt: Bis heute haben sich Reste des Westjiddischen im sogenannten Lachoudischen im Dorf Schopfloch im bayerischen Bezirk Mittelfranken erhalten. Obwohl das Jiddische bereits Ende des 19. Jahrhunderts durch den Sprachwechsel der meisten Sprecher vor dem Untergang stand, hat es sich als Hausierer- und Viehhändlersprache in regionalen Nischen erhalten. Schopflocher beherrschen noch bis zu 500 jiddische Wörter hebräischer Herkunft, die sie nach altem Brauch auch manchmal als Geheimsprache nutzen.

Zu den äußeren Ursachen des Dialektsterbens müssen wir auch Veränderungen zählen, die gemeinhin als Fortschritt gelten: die Verbesserung der verkehrsmäßigen Infrastruktur und die Erschließung neuer Erwerbsquellen durch den Tourismus. Beides hat in Nordfriesland dazu geführt, dass Friesisch als öffentliche Verkehrssprache anfangs vom Plattdeutschen, heute vom Hochdeutschen abgelöst wurde, dass alle Friesischsprecher zwei- oder dreisprachig sind und ihren friesischen Dialekt fast nur noch als Haus- und Nachbarschaftssprache benutzen. Solche Mehrsprachigkeit führt in der Regel zu einer Hierarchisierung der Sprachen. Ähnlich gefährdet sind die Dialekte in zwei altertümlichen bairischen Sprachinseln jenseits der Alpen, die erste Forscher im 19. Jahrhundert bis zu dem Kimbern und Teutonen der Völkerwan- derungszeit zurückführen wollten und deshalb Zimbrisch nannten.

Der Erhalt dieser Sprachinseln über Jahrhunderte ist ihrer Abgeschiedenheit und Unzugänglichkeit im Gebirge zu danken. Moderne Infrastruktur erlöst die Bewohner aus solcher Beschaulichkeit, eröffnet neue Berufsmöglichkeiten außerhalb der traditionellen Landwirtschaft und schafft dauerhafte Kontakte zu den italienischen Nachbarn. Stets befinden sich die Mitglieder solcher kleinen Sprachgemeinschaften im Konflikt zwischen dem Wunsch, ihre sprachliche Eigenart und Identität zu bewahren und dem natürlichen Bedürfnis der jüngeren Generationen, die kommunikative Isolierung zu verlassen und sich durch einen Sprachwechsel den Anforderungen und Lockungen der heutigen Lebens- und Arbeitswelt zu öffnen. Was hier erst vor wenigen Jahrzehnten begonnen hat, prägt die Dialektentwickung in Deutschland seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Auch wenn die Dialekte auf dem Lande in 150 Jahren erstaunlich stabil geblieben sind, ihr Gebrauch ist rapide zurückgegangen.


Mehrsprachigkeit als Modell

Dieser Entwicklung haben die Deutschschweizer bis heute widerstanden. Die alemannischen Dialekte der Schweiz sind unangefochten das alleinige Medium aller Bevölkerungsschichten in allen mündlichen Kommunikationssituationen: nicht nur im Haus und auf der Straße, ebenso im Radio, in den Behörden, beim Militär, im Parlament. Dabei bedient sich jeder seines eigenen heimatlichen Dialekts, wird verstanden und versteht sein Gegenüber. Nebenbei kann jeder aus solcher Spracherfahrung den anderen lokalisieren, das heißt über den Dialekt seine Herkunft als Berner, Zürcher, Walliser usw. erkennen. Die deutsche Standardsprache dient ausschließlich als Schriftsprache der Deutschschweizer, wird in der Schule vermittelt, aber allenfalls im Kontakt mit Nichtschweizern (nicht ohne Akzent) benutzt. Sprachwissenschaftler bezeichnen solche stabile Funktionsteilung zweier verwandter Sprachen in einer Sprachgemeinschaft als Diglossie (das griechische Wort für „Zweisprachigkeit“).

Im Vergleich zum deutschen Nachbarn kennen die Schweizer keine Beschränkung des Dialekts auf bestimmte Gebrauchssphären, zum Beispiel Landwirtschaft, traditionelle Handwerke u. ä. Das führt dazu, daß auch der Wortschatz der Schriftsprache in den Dialekt aufgenommen wird, allerdings lautlich integriert. So wird aus hochdeutsch Entwicklung ein schweizerdeutsches Entwicklig, aus Einsatz wird Iisatz, aus möglicherweise wird möglicherwiis. Mit solchem integrierten Import sind die Dialekte jedem Thema gewachsen und verändern sich – zumindest lexikalisch – rasch. Das widerspricht mancher Erwartung, die Dialekte der Großeltern ließen sich konservieren. Sie bleiben nur lebendig und werden von den Eltern den Kindern als Muttersprache weitergegeben, wenn sie dem Leistungsanspruch heutiger mündlicher Kommunikation angepasst werden.

Mit dem Begriff Diglossie läßt sich das Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache in vielen Sprachgemeinschaften gut beschreiben.

Ein klassischer Fall der Arbeitsteilung beider Varietäten besteht in den arabischen Staaten. Die heutige arabische Hochsprache, eine konservierte Form des Klassischen Arabisch, wird nirgends als Muttersprache erworben, erst in den Schulen vermittelt und stellt ein religiös motiviertes Bindeglied aller arabischsprachigen Länder dar. Gesprochen und als Muttersprachen erlernt werden aber die regionalen arabischen Dialekte. Auch hier herrscht eine stabile Diglossie. Doch während in der Schweiz die Dialekte als nationale Varietät hohes Prestige genießen, gelten die arabischen Dialekte nichts im Vergleich zur Schriftsprache. Dies ist eine extreme Form von Fehleinschätzung der Varietäten gesprochener Sprache, die auch in Deutschland lange vorherrschend war.

Lehren aus dem Vergleich

Was lehren diese Beispiele und Vergleiche? Dialekte sind wie alle Sprachen einzigartige Zeugnisse unserer Lebenskultur, sie sind kulturelle Artefakte des Menschen. Das schützt sie aber nicht vor Wandel oder Untergang. Ihre Lebensbedingungen gleichen den Biotopen der Natur. Deren Wandel müssen sich Tiere und Pflanzen anpassen oder sie gehen ein. Wie in der Natur gibt es auch für Sprachen einen gewissen Schutz seitens der Politik. Friesisch und Sorbisch werden als Minderheits- sprachen unterstützt, zum Bei- spiel in den Schulen auf Wyk/ Föhr und in Bautzen/Oberlausitz gelehrt. Auch gegenüber den Dialekten hat sich die Einstellung gewandelt. Sie werden zum Beispiel in bayerischen Schulen gepflegt und gefördert, nicht mehr wie einst als Hindernisse beim Erlernen des Hochdeutschen ver- teufelt. Die Schule will keineswegs der Feind der Dialekte sein, es sind vielmehr – das haben neuere Studien gezeigt – viele Eltern, welche ihren Kindern, aus Angst um deren Fortkommen, den eigenen Dialekt abgewöhnen wollen.

Die Zukunft der deutschen Dialekte liegt weniger in der vollständigen Erhaltung der kleinteiligen Vielfalt, sondern in ihrer Kombination mit den neuen Regionalsprachen, den überregionalen Umgangssprachen, die – besonders in Süddeutschland – zunehmend die Hauptrolle der mündlichen Kommunikation übernehmen. Auch die Dialektforschung hat sich dieser neuen Situation angepasst. Ihr Thema sind nicht mehr in erster Linie die traditionellen Dialekte älterer Sprecher auf dem Lande, sondern alle Varietäten gesprochener Sprache außer dem Hochdeutsch der Nachrichtensprecher, das heißt Dia- lekte, Umgangsprachen und die verschiedenen regionalen Akzente hochdeutschen Sprechens. Diese Lebenswirklichkeit des Deutschen sollten wir schätzen und bewahren.

Horst Haider Munske ist emeritierter Professor für germanische und deutsche Sprachwissenschaft und Mundartkunde an der Universität Erlangen-Nürnberg